Jemand stellt eine Frage in den Raum. „Was tun? Eure Meinungen?“ Hunderte antworten. Der Fragende antwortet niemandem.
Das ist kein Versehen. Es ist die Bauart.
Eine echte Frage sucht eine Antwort. Sie ist offen, sie riskiert etwas, sie kann den Fragenden verändern. Diese Frage sucht nichts. Sie ist der Zünder für eine Reaktion, die längst eingeplant war. Was aussieht wie eine Einladung zum Denken, ist die Einladung, zu reagieren – zu liken, zu widersprechen, zu teilen. Bewegung, nicht Bewegung des Gedankens.
Man erkennt es an dem, was folgt. Nichts folgt. Kein Zurückfragen, kein Umdenken, kein „daran hatte ich nicht gedacht“. Die Zahl unter dem Beitrag steigt, und das war das Ziel. Die Frage war die Verpackung, die Reichweite der Inhalt.
Das Muster ist älter als jede Plattform, aber die Plattform belohnt es wie nie zuvor. Eine Geste des Nachdenkens zählt hier so viel wie das Nachdenken selbst – und weil sie billiger ist, verdrängt sie es. Die Aufmerksamkeit misst nicht, ob etwas gedacht wurde. Sie misst nur, ob etwas geklickt wurde.
Das gilt auch für diesen Text. Wer über die Frage schreibt, die keine ist, stellt sich leicht über den, der sie gestellt hat. Der Punkt ist nicht der Mann mit der Frage. Der Punkt ist, dass wir alle gelernt haben, die Geste für die Sache zu halten.
Wer wirklich eine Antwort will, der hört zu, wenn sie kommt.