„Ich sehe das nüchtern.“ „Ich betrachte das rein sachlich.“ „Ich habe da keine Agenda.“ Solche Sätze sollen Objektivität behaupten. Tatsächlich behaupten sie nur, die eigene Sicht sei keine Sicht, sondern die Sache selbst. Das ist der Punkt, an dem es unbemerkt schiefgeht.
Einen Standpunkt ohne Standort gibt es nicht.
Jeder blickt von irgendwo aus – aus seiner Rolle, seiner Erfahrung, seinem Interesse. Der Geschäftsführer sieht das Unternehmen anders als der Mitarbeiter, der Eigentümer anders als der Angestellte, der Verkäufer anders als der Controller. Keine dieser Sichten ist falsch. Aber keine ist der neutrale Überblick, für den sie sich manchmal hält. Auch der Blick von oben bleibt ein Blick von einer bestimmten Stelle.
Gefährlich wird das nicht durch die Perspektive selbst, sondern durch ihre Unsichtbarkeit. Wer den eigenen Standort nicht kennt, verwechselt ihn mit der Wirklichkeit. Dann erscheint der eigene Blickwinkel als der einzig vernünftige, und wer anders sieht, gilt nicht als anders positioniert, sondern schlicht als im Irrtum.
Der Ausweg ist nicht, den Standpunkt aufzugeben – das geht gar nicht. Der Ausweg ist, ihn zu kennen. Wer weiß, von wo aus er urteilt, kann seinen blinden Fleck wenigstens vermuten. Wer glaubt, von nirgendwo zu urteilen, hat ihn garantiert.
Auch dieser Text hat einen Standort. Er ist nur nicht neutraler als jeder andere.
Wer seinen Standpunkt für neutral hält, hat ihn nur aufgehört zu bemerken.