Zwei erfahrene Führungskräfte schauen auf dieselbe Zahlenreihe, der eine sagt expandieren, der andere konsolidieren. Beide klug, beide argumentieren sauber, beide meinen es ernst. Trotzdem landen sie an entgegengesetzten Enden und der erste Reflex lautet: Einer muss sich irren.
Muss er nicht.
Aus denselben Daten folgt nicht dieselbe Schlussfolgerung, zwischen Zahl und Urteil liegt eine Bewertung. Die speist sich aus dem, was jeder für wichtig hält. Der eine gewichtet Chancen, der andere Risiken. Wachstum gegen Tragfähigkeit. Nicht die Fakten trennen sie, die Maßstäbe trennen sie, mit denen sie die Fakten wiegen.
Diese Maßstäbe spricht selten jemand aus. Man streitet über das Ergebnis, während der eigentliche Unterschied eine Ebene tiefer liegt, bei der Frage: worauf kommt es überhaupt an? Deshalb drehen sich solche Diskussionen im Kreis; beide verteidigen ihren Schluss, ohne die Annahme offenzulegen, aus der er stammt.
Folgenreich ist das, gerade in Führungsteams. Wo Gegensätze als Kompetenzmangel gedeutet werden, versucht man den anderen zu widerlegen. Wo sie als unterschiedliche Gewichtung erkannt werden, lässt sich das Eigentliche verhandeln: nicht wer recht hat, sondern welcher Maßstab in dieser Lage gelten soll.
Ein Widerspruch ist nicht immer ein Fehler. Manchmal nur eine sichtbar gewordene Differenz in dem, was zählt.
Wer nur über Ergebnisse streitet, übersieht: der Unterschied begann schon bei den Maßstäben.