Ein Test, vier Farben oder sechzehn Buchstaben, und plötzlich ergibt der Kollege Sinn. Der eine ist eben „der Rote“, die andere „die Gewissenhafte“. Das erklärt so vieles auf einmal. Und genau darin liegt die Verführung.
Am Anfang leisten solche Modelle etwas.
Sie geben Sprache für Unterschiede, die man spürt, aber schwer benennen kann. Sie machen begreiflich, warum der eine Tempo braucht und der andere Genauigkeit, warum derselbe Ton den einen anspornt und den anderen verschließt. Als erste Näherung ist das wertvoll. Es öffnet den Blick für die Verschiedenheit von Menschen, statt jeden am eigenen Maß zu messen.
Der Kipppunkt kommt leise. Aus einer Näherung wird eine Schublade. Der Kollege ist nicht mehr ein Mensch, der sich in einer bestimmten Lage bestimmt verhält – er ist „der Rote“, ein für alle Mal. Was nicht zum Typ passt, wird übersehen oder als Ausnahme abgetan. Das Modell erklärt dann nicht mehr, es filtert. Und was es herausfiltert, ist oft genau das, was diesen Menschen ausmacht.
Ein Mensch ist reicher als jede Kategorie, in die man ihn steckt. Er verhält sich in Krisen anders als im Alltag, gegenüber dem einen anders als gegenüber dem anderen, mit fünfzig anders als mit dreißig. Ein Typ kann das nicht abbilden, er ist dafür nicht gemacht. Er zeigt ein Muster, nicht den Menschen.
Nützlich bleibt ein Modell, solange man ihm misstraut. Sobald man ihm mehr glaubt als dem Menschen vor sich, hat es aufgehört zu helfen.
Ein Persönlichkeitsmodell ist ein guter Anfang und ein schlechtes Ende.