Der Mensch passt in keine Schublade.

Jede Schublade verspricht Ordnung. Endlich weiß man, mit wem man es zu tun hat: der Perfektionist, der Zauderer, die Macherin, der Bedenkenträger. Das Etikett sitzt, die Person ist verstaut. Man muss nicht mehr hinschauen, man weiß ja schon.

Nur bleibt immer etwas übrig.

Wer einen Menschen einsortiert, muss etwas weglassen, damit er hineinpasst. Der „Zauderer“ hat Situationen, in denen er blitzschnell entscheidet. Die „Macherin“ kennt Momente der Lähmung. Das Etikett hält nur, solange man den Rest ignoriert. Und der Rest ist nicht die Ausnahme, sondern der Beweis, dass die Schublade zu klein war.

Im Betrieb hat das Folgen. Wer einmal als „schwierig“ gilt, wird schwierig behandelt – und verhält sich prompt entsprechend, weil ihm kein anderer Raum mehr gelassen wird. Die Schublade bestätigt sich selbst. Nicht weil sie zutraf, sondern weil sie die Wahrnehmung so lange verengt hat, bis nur noch hineinpasste, was schon drinstand.

Das Bedürfnis dahinter ist verständlich. Menschen sind unübersichtlich, und Kategorien schaffen Halt. Aber der Halt ist erkauft. Man tauscht die Mühe des Hinsehens gegen die Bequemlichkeit des Bescheidwissens – und verliert dabei genau das, was den anderen von seinem Etikett unterscheidet.

Wer einen Menschen wirklich einschätzen will, muss die Schublade offen lassen. Nicht weil Ordnung schlecht wäre, sondern weil kein Mensch sich dauerhaft in einer halten lässt.

Eine Schublade fasst nie den Menschen. Sie fasst nur, was man von ihm zu wissen glaubt.

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