Der erste Reflex bei einer Schwäche ist, sie zu beheben. Etwas fehlt, also muss es ergänzt werden. Der Zurückhaltende soll durchsetzungsfähiger, der Ungeduldige gelassener, der Detailverliebte großzügiger werden. Die Schwäche gilt als Mangel, und ein Mangel gehört behoben.
Manchmal stimmt das. Oft nicht.
Denn was von einer Seite als Schwäche erscheint, ist von der anderen die Kehrseite einer Stärke. Der Zurückhaltende hört zu, wo andere längst reden. Der Ungeduldige bringt Tempo, wo andere zaudern. Der Detailverliebte findet den Fehler, den die Großzügigen übersehen. Beides gehört zusammen. Man kann das eine selten abtrennen, ohne das andere zu beschädigen.
Wer eine Schwäche isoliert bekämpft, greift deshalb oft die dazugehörige Stärke gleich mit an. Der Zurückhaltende, den man zum Lautwerden drängt, verliert vielleicht genau die Aufmerksamkeit, die ihn wertvoll machte. Am Ende ist die Schwäche etwas gemildert und die Stärke dahin. Ein schlechter Tausch.
Das heißt nicht, dass Entwicklung sinnlos wäre. Es heißt, zuerst zu prüfen, womit man es zu tun hat. Ist es ein echtes Defizit, das nichts trägt und nur behindert? Oder ist es der Preis einer Eigenschaft, auf die man nicht verzichten will? Diese Unterscheidung entscheidet, ob man behebt oder beschädigt.
Nicht jede Schwäche will überwunden werden. Manche will verstanden und in Kauf genommen sein – als Teil eines Menschen, der auch seine Stärke daraus zieht.
Eine Schwäche zu beheben, ohne ihre Stärke zu kennen, kann teurer sein als die Schwäche selbst.