Es gibt einen Rat, der fast immer passt und fast nie hilft: Denk positiv. Sieh das Gute, bleib zuversichtlich, erwarte das Beste. Gemeint ist es gut. Und für die eigene Stimmung mag es etwas tun. Nur bleibt die Lage, auf die sich die Stimmung richtet, von ihr unberührt.
Denn die Lage ist nicht aus Gedanken gebaut.
Ein Betrieb, der zu viele Aufgaben auf zu wenige Schultern verteilt, bleibt überlastet – auch wenn alle positiv bleiben. Eine Zuständigkeit, die nie geklärt wurde, bleibt ungeklärt – egal, wie zuversichtlich man sie betrachtet. Strukturen reagieren nicht auf Haltung. Sie reagieren auf Veränderung. Und die positive Einstellung kann genau das verhindern, indem sie das Problem erträglich macht, das eigentlich gelöst gehörte.
Das ist die stille Kehrseite. Wer lernt, eine schlechte Lage positiv zu sehen, verliert den Druck, sie zu ändern. Die Zuversicht wird zum Polster, auf dem sich der Missstand bequem einrichtet. Man hält aus, was man abstellen könnte, weil das Aushalten leichter fällt als der Eingriff. Positives Denken wird dann nicht zur Kraftquelle, sondern zum Betäubungsmittel.
Das heißt nicht, dass Zuversicht wertlos wäre. Sie hilft, dranzubleiben, wenn eine Veränderung Zeit braucht. Aber sie ist das Begleitmittel, nicht die Maßnahme. Sie trägt durch den Umbau – sie ersetzt ihn nicht. Wer die Haltung mit der Handlung verwechselt, fühlt sich besser und steht am selben Ort.
Eine Struktur ändert sich nicht, weil man anders über sie denkt, sondern weil man etwas an ihr tut.
Positives Denken macht eine schlechte Struktur erträglicher. Genau das ist das Problem.