Sichtbarkeit belegt nichts mehr.

Früher war Sichtbarkeit ein Nebenprodukt. Wer etwas konnte, wurde bemerkt. Nicht immer, nicht gerecht, aber im Kern galt: Die Sache kam zuerst, die Aufmerksamkeit kam hinterher.

Das hat sich gedreht.

Sichtbarkeit ist heute ein eigenes Handwerk. Es ist erlernbar, es ist beschreibbar, es funktioniert nach Regeln, die man kennen kann. Frequenz. Anschlussfähigkeit. Reaktionen. Wer diese Regeln beherrscht, wird gesehen – unabhängig davon, was er kann.

Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Anpassung an das, was zählt. Ein durchdachter Beitrag zu einer schwierigen Frage kostet Tage und erreicht dreißig Leute. Ein Beitrag über ein Alltagsproblem, das jeder kennt, kostet zwanzig Minuten und erreicht dreitausend. Wer regelmäßig sichtbar sein will, braucht Themen, die häufig verfügbar sind. Und das sind die einfachen.

Der Effekt tritt nicht bei einzelnen Beiträgen ein, sondern in der Summe. Nach und nach entkoppelt sich das Signal von dem, wofür es einmal stand.

Man sieht jemanden. Man weiß dadurch nichts über ihn.

Wer sich darauf verlässt, gesehen zu werden, verlässt sich auf einen Beleg, der keiner mehr ist. Das gilt auch für diesen Text.

Sichtbarkeit ist heute nur noch der Nachweis, dass jemand Sichtbarkeit beherrscht.

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