Es gibt eine Beobachtung, die sich aufdrängt, wenn man eine Weile hinschaut. Empörung fühlt sich an wie Erkenntnis. Man ist aufgewühlt, also glaubt man, verstanden zu haben. Dabei hat man nur etwas gefühlt.
Der Unterschied ist größer, als er scheint. Wer versteht, muss sich mit der Sache befassen. Er liest, prüft, wägt ab, hält das lästige Sowohl-als-auch aus. Wer sich empört, muss nichts davon. Das Urteil steht schon, bevor die Sache betrachtet wurde. Empörung ist die Abkürzung um das Denken herum.
Das ist der eigentliche Reiz. Sie kostet nichts und liefert trotzdem das Gefühl, etwas getan zu haben. Man ist dagegen, laut und schnell, und die Sache selbst bleibt liegen. Man hat sich positioniert, ohne sich zu bewegen.
Interessant wird es beim Nachschub. Ein Aufreger hält nicht lange. Die Wirkung lässt nach, und dann braucht es den nächsten. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, sucht ihn von selbst. Der Markt merkt das und liefert. Nicht weil ein paar Zyniker ihn erzeugen, sondern weil er nachgefragt wird.
Man kann das an sich selbst beobachten. Wie schnell aus einer Schlagzeile ein Urteil wird. Wie selten man danach noch nachliest, ob es stimmte. Wie gut sich die eigene Entrüstung anfühlt, und wie wenig davon übrig bleibt, wenn man ehrlich fragt, was man eigentlich verstanden hat.
Das ist keine Anklage. Es ist eine Frage, die jeder für sich beantworten kann. Ob das, was sich gerade wie Klarheit anfühlt, wirklich eine ist.
Manchmal ist Klarheit der Anfang von Erkenntnis. Und manchmal nur ihr Ersatz.